Afghanistan: Militärischer Erfolg und politische Niederlage

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Georg Vancura, 1. September 2021

In der Presse üben sich die Journalisten mehr in Kritik und politischem Kultur-pessimismus als in umfassender Analyse. Es ist einfach und aus europäischer Sicht kurzsichtig, die Nachteile und Unzulänglichkeiten der noch laufenden Afghanistan-Krise so darzustellen, dass die ganze Verantwortung und vor allem die zukünftigen Nachteile zu Ungunsten der USA ausgelegt werden. Eine liberal-demokratische Gesellschaft hat genug Potenzial, um auch diese schwierige Situation aussenpolitisch zu überstehen.

Den raschen Zusammenbruch der afghanischen Armee und der korrupten Verwaltung hat die westliche Politik trotz kritischen Berichten der Diplomaten aus Kabul nicht vorhergesehen und keine planerischen Vorkehrungen für den Evakuations-Ernstfall vorgenommen. Auf den raschen Sieg der Taliban war kein Staat vorbereitet und darin liegt das kollektive politische Versagen der Alliierten begründet. Ab dem 16. August mussten über 120’000 Ausländer und lokale Unterstützer der Alliierten in einer beispiellosen Rettungsaktion in zwei Wochen mit militärischen Flugzeugen ausgeflogen werden. Damit wurde am 31. August eine 20-jährige politische ‘Mission impossible’ ruhmlos beendet.

Eine differenzierte Betrachtung führt zu folgenden Schlussfolgerungen. Der militärische Teil des Afghanistan-Engagements war ein Erfolg für die USA und deren Verbündete. Die Taliban und die terroristischen Drahtzieher der Al-Kaida der Anschläge vom 11. September 2001 wurden rasch besiegt und die Zahl der Terroranschläge in Europa und in den USA nahm ab. Die 300’000 starke und modern ausgerüstete afghanische Armee war nicht im Stande, allein einen effektiven Widerstand gegen die lokal stark verwurzelten Taliban zu leisten, welche vor allem von Pakistan aus unterstützt wurden.

Die militärische Intervention wurde auf Verlangen von alt Kanzler Gerhard Schröder und Aussenminister Joschka Fischer durch das politische Konzept des Nation-Building ergänzt. Das an zahlreichen Konferenzen vereinbarte umfangreiche zivile Programm zum Aufbau eines stabilen demokratischen politischen Systems in Afghanistan führte leider trotz umfangreichen Anstrengungen zu keinem positiven Ergebnis. Es wurden über 1’000 Milliarden USD investiert, Tausende von Zivilisten und 3’600 alliierte Soldaten wurden getötet, die Ausbildung und Ausrüstung einer 300’000 Soldaten starken afghanischen Armee für 80 Milliarden USD verpulverte am Hindukusch und ging kampflos in den Besitz der Taliban über. Auf der anderen politischen Seite hat der Einsatz Tausender Entwicklungshelfer, Ausbildner, Journalisten, Verwaltungsbeamter, Ingenieure, Aktivisten und Freiwilliger verschiedener Organisationen und NGO zumindest in den Städten zur Entstehung einer neuen Kultur in Wirtschaft und Gesellschaft geführt: Es wurden unzählige Firmen und Organisationen gegründet, rund 3,6 Millionen Mädchen und Jungen erhielten schulische Ausbildung, die Landwirtschaft erhielt neue Maschinen und Methoden, um nicht Mohn für Heroin für den Westen anzupflanzen.

Dass es zu keinem durchschlagenden Erfolg in Afghanistan kam, liegt in den grundverschiedenen Wertvorstellungen, Religion, tiefverwurzelter Kultur und Stammesgesellschaft mit immanenter Korruption und nicht an der Bereitschaft vor allem der USA und ihren Verbündeten, einen umfassenden Beitrag zum Nation-Building zu leisten. Wir erinnern uns, dass die amerikanische Aufbauhilfe nach dem 2. Weltkrieg in Europa sehr erfolgreich war, wo günstige politische und kulturelle Voraussetzungen gegeben waren. Seit dem Ende des Kalten Krieges agieren verstärkt China und Russland auf der internationalen Bühne, während die USA sich langsam zurückziehen. Europa täte gut daran, mehr in seine eigene Sicherheit und aussenpolitische Position zu investieren.

Der Afghanistan-Einsatz hat die Schwäche der europäischen NATO-Staaten schonungslos offengelegt: Sie sind weder personell noch materiell und organisatorisch in der Lage, eine umfangreiche militärische Operation, ohne die USA selbständig durchzuführen. Europäer haben die Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges wirtschaftlich eingefahren und die eigene Verteidigung und Sicherheit sträflich vernachlässigt und sich damit möglicher Fremdeinwirkung ausgesetzt. Schon im Irak hat sich gezeigt, dass dem militärischen Sieg nicht unbedingt ein friedlicher politischer Aufbau folgt.

In Afghanistan mussten neben den USA schon die Engländer und Sowjets erkennen, dass eine grundverschiedene und auf tausendjähriger Tradition aufgebaute Gesellschaft sich innerhalb einiger Jahre nicht in eine andere, zum Beispiel demokratische, verwandeln lässt. Der Exodus eines Teils der afghanischen Elite wird das Land weiter schwächen – die Taliban täten gut daran, sich moderat zu verhalten und ihr Land rational zu verwalten, um weitere Flüchtlingsströme gebildeter Landsleute zu verhindern und mit westlichen Ländern und Organisationen eine wie auch immer moderat geartete Entwicklung ihres Landes zu ermöglichen.

Categories: Zentralasien

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