Die Achse Moskau-Jerewan-Teheran und ihre Dilemmas in Bergkarabach

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Marcel Zwygart, 2. Dezember 2020

Das Votum Aserbaidschans gegen eine Mandatsverlängerung des französischen OSZE-Medienbeauftragten Harlem Désir im Juni 2020 hat die Wiederwahl des OSZE-Führungsgremiums unter Leitung von Generalsekretär Thomas Greminger im Sommer verhindert. Die durch die Führung in Baku vermutlich bewusst herbeigeführte Führungslosigkeit der OSZE und die ermutigenden Worte seitens des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, eine militärische Lösung in Bergkarabach zu suchen, hat Aserbaidschan zu einem aggressiven, militärischen Vorgehen im Konflikt bewogen. Dank der zusätzlichen Aufrüstung durch israelische und türkische Waffen hat Aserbaidschan zudem eine technologische Überlegenheit erlangt, mit der es Armenien eine militärische Niederlage zufügen konnte.

Wie reagierten die Russische Föderation und die Islamische Republik Iran auf die neu geschaffenen Fakten? Armenien hat für beide Staaten eine hohe geostrategische Bedeutung. Die Achse Moskau-Jerewan-Teheran verfolgt das Ziel, den Einfluss der Türkei im Kaukasus zu begrenzen. Beide Staaten sind politisch und wirtschaftlich in Armenien investiert, der Kreml zusätzlich mit militärischen Kräften, die direkt vor Ort stationiert sind. Gleichzeitig beliefert Russland auch Aserbaidschan mit Waffen und pflegt enge postsowjetische Geschäftsbeziehungen mit beiden Staaten. Durch das komplexe Beziehungsgeflecht tun sich Russland und Iran mit einer Antwort schwer.

Das iranische Dilemma: Die drei nördlichen Provinzen im Iran werden mehrheitlich von Turkvölkern besiedelt, welche wie die Aserbaidschaner als Muttersprache einen turkmenischen Dialekt (Aseri) sprechen, der mit dem Türkischen verwandt ist. Bei Kriegsausbruch in Berg-Karabach fanden im Iran Protestkundgebungen gegen die Unterstützung Armeniens statt. Die Polizeipräsenz seitens des Regimes wurde zudem massiv erhöht und die Militärpräsenz an der Grenze zu Armenien und Aserbaidschan wurde ausgebaut. Bei einer dezidierten Stellungnahme an der Seite Armeniens würde die Regierung noch mehr in Bedrängnis kommen. 

Das russische Dilemma: Die aus dem Erbe der Sowjetunion entstandene Russische Föderation hat nebst anderen Problemen auch jene der Nationalitäten und Religionen geerbt. Die Bedeutung dieser Frage wurde zwar mit der Unabhängigkeit der Republiken in Zentralasien (Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan) und im Südkaukasus (Aserbaidschan, Armenien und Georgien) reduziert, jedoch nicht gelöst.

Als zweitgrösste Religionsgemeinschaft weisen die Muslime höhere Zuwachsraten auf als die russische Bevölkerung. Gepaart mit wirtschaftlicher Unterentwicklung, Korruption und sozialer Not ist im Nordkaukasus ein Nährboden für einen radikalen, fundamentalistischen Islamismus entstanden, u. a. in Dagestan, welches direkt an Aserbaidschan grenzt. Als Ergebnis folgten die kriegerischen Auseinandersetzungen in Tschetschenien sowie terroristische Aktionen und Radikalisierung in Dagestan und Inguschetien.

Aus dieser Erfahrung heraus will die Kreml-Führung verhindern, dass radikale Kräfte in den Republiken aktiviert werden und sich nach Innen gegen die russische Einheit wenden. Es wird davon ausgegangen, dass unter dem Islamischen Staat in Syrien bis zu 10.000 tschetschenische Kämpfer am Kriegsgeschehen beteiligt sind. Die im Vergleich zu anderen Ländern laschen Ausreisebestimmungen für radikalisierte Islamisten erweist sich nun als Bumerang. Die beobachtete Verlegung von kriegserfahrenen IS-Kämpfern von Syrien nach Aserbaidschan dürfte nicht zur Zerstreuung der Sorgen in Moskau beigetragen haben. Welchen Einfluss auf diese Kräfte hätte eine klare Parteinahme der Russischen Föderation?

Fazit: Russland und Iran werden alles daransetzen, separatistische Bewegung zu unterbinden und werden deshalb nicht direkt militärisch in diesen Konflikt eingreifen, zu gross ist das Risiko im eigenen Land. Falls diplomatische Avancen sowie der Waffenstillstand mit russischen Friedenstruppen nicht fruchten, wird Vergeltung gegenüber der Türkei und dessen Verbündeten auf anderen Territorien zum Beispiel in Syrien zu erwarten sein. Als Indiz hierzu kann der russische Luftangriff auf ein Ausbildungscamp der syrischen Islamistengruppe Faylak al-Sham am 26. Oktober 2020 gewertet werden. Durch das Auslösen von Flüchtlingsströmen in Nordsyrien könnte die Türkei empfindlich getroffen werden. Dies hätte verzögert Auswirkungen auf ganz Europa.



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